Ėl’ Lisickij
Ėl’ Lisickij (Lazar’ Markovič Lisickij)
* 1890 in Potschinok, Russland; † 1941 in Moskau, Sowjetunion
1910‒1914 Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Darmstadt, Deutschland
1915 Eintritt Polytechnikum Riga
1916/17 Arbeit in verschiedenen Architekturbüros
1918 Architekturdiplom
1919 Mitglied der Abteilung für Bildende Künste (IZO) des Volkskommissariat für Bildung der RSFSR (NARKOMPROS); Lehrtätigkeit an den Künstlerischen Volks-Werkstätten in Witebsk, Leitung der Architektur- und Grafikabteilung sowie der Druckerei; Zusammenschluss mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zum Kollektiv UNOVIS; Entwicklung seiner ersten experimentellen Proun-Werke
1921 Leitung der Architekturabteilung der Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten (WChUTEMAS) in Moskau
1921‒1925 Aufenthalt in Deutschland und in der Schweiz; Austausch und Zusammenarbeit mit zahlreichen internationalen Avantgarde-künstlerinnen und -künstlern
1922 Beteiligung an der Organisation der “Ersten Russischen Kunstausstellung” in Berlin; gemeinsam mit Ilj’ja Ėrenburg Herausgabe der Kunstzeitschrift “Vešč. Objekt. Gegenstand”
1925 Rückkehr nach Moskau, Lehrtätigkeit an den WChUTEMAS
1927‒1941 weiterhin reger Austausch mit der internationalen Avantgarde, intensive künstlerische und gestalterische Tätigkeit; in Zusammenarbeit mit seiner Frau Sophie Küppers-Lisickij Gestaltung vieler Ausstellungsauftritte sowjetischer Kunst im Ausland
Als Jude wurde Ėl’ Lisickij an der Kunsthochschule von St. Petersburg nicht aufgenommen, daher studierte er von 1910 bis 1914 Architektur an der Technischen Hochschule in Darmstadt, Deutschland. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte er in die Sowjetunion zurück und schrieb sich am Polytechnikum in Riga ein, wo er 1918 sein Architekturdiplom erhielt. Wie viele progressive Künstlerinnen und Künstler begrüsste Lisickij die Oktoberrevolution von 1917: Fortan bestimmten seine politischen Ideen auch sein künstlerisches Schaffen in den Bereichen Malerei, Architektur, Grafikdesign, Typografie und Fotografie. 1919 wurde Lisickij Mitglied der Abteilung für Bildende Künste (IZO) des Volkskommissariats für Bildung der RSFSR (NARKOMPROS). Zudem unterrichtete er ab diesem Jahr an den Künstlerischen Volks-Werkstätten in Witebsk unter dem damaligen Direktor Marc Chagall und begegnete dort Kazimir Malevič. Ausgehend von Malevičs Suprematismus wurde Lisickij zum Mitbegründer des Konstruktivismus, einer avantgardistischen Kunstrichtung, welche die Verschmelzung von Kunst, Alltag und revolutionären Ideen suchte und dabei die Grenzen zwischen den Disziplinen aufhob. 1919 entstanden auch seine ersten legendären Proun-Gemälde. 1921 wurde Lisickij zum Leiter der Architekturabteilung der Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten (WChUTEMAS) in Moskau berufen. Diese Kunsthochschule verschrieb sich ganz der Verbreitung des Konstruktivismus.
In den Jahren 1921 bis 1925 hielt sich Lisickij in Deutschland und in der Schweiz auf. 1922 war er an der Organisation der “Ersten Russischen Kunstausstellung” in Berlin beteiligt, im selben Jahr gründete er gemeinsam mit Ilʹja Ėrenburg die nur kurzzeitig erscheinende dreisprachige Kunstzeitschrift “Vešč. Objekt. Gegenstand”, die den nationenübergreifenden Dialog avantgardistischer Künstlerinnen und Künstler suchte. Lisickij nahm 1922 sowohl am Internationalen Kongress Progressiver Künstler in Düsseldorf als auch am Kongress der Konstruktivisten und Dadaisten in Weimar teil. Er wirkte dabei stets als Brückenbauer und Vermittler, der russische Konstruktivismus beeinflusste so beispielsweise die De Stijl-Bewegung und das Bauhaus. Ebenfalls in den 1920er-Jahren experimentierte Lisickij verstärkt mit seinen “Proun” genannten Entwürfen, Kurzform für “Projekt für die Behauptung des Neuen”. Er suchte damit nach einer Verbindung von Architektur und Malerei und nach einer Übersetzung des Suprematismus in die Dreidimensionalität.
1923 lebte Lisickij in Hannover und lernte dort den Dadaisten Kurt Schwitters kennen, mit dem er folgend wiederholt zusammenarbeitete. In Hannover begegnete er auch seiner späteren Frau, der Kunsthistorikerin und Sammlerin Sophie Küppers, und erhielt Aufträge von Günther Wagner für Pelikan-Schreibwaren.
Nach der Erkrankung an Tuberkulose liess sich Lisickij 1924/25 im Tessin behandeln und kehrte im Mai 1925 über Berlin in die Sowjetunion zurück. Er nahm erneut seine Lehrtätigkeit in der Architekturabteilung der WChUTEMAS auf, ab 1926 zudem in der Abteilung Innenarchitektur und Möbelgestaltung. Ab 1932 war Lisickij als ständiger Mitarbeiter für die Gestaltung der Zeitschrift “USSR im Bau” tätig und wirkte als Architekt, Ausstellungszenograf, Möbeldesigner, Grafiker, Typograf und Künstler. Lisickij pflegte weiterhin enge Kontakte zur internationalen Avantgarde und hielt sich regelmässig in Deutschland auf. Von 1927 bis 1941 gestaltete er zusammen mit seiner Frau Sophie Küppers-Lisickij zahlreiche Auftritte der Sowjetunion an internationalen Ausstellungen, so 1928 für die internationale Presseausstellung “Pressa” in Köln, 1929 für die legendäre Ausstellung “Film und Foto” in Stuttgart und 1930 für die “Internationale Hygiene-Ausstellung” in Dresden. In den 1930er-Jahren war Lisickij auch Mitglied der Pariser Künstlerbewegung Abstraction-Création. 1941 erlag er seiner Tuberkulose-Erkrankung.
Quellen:
Lüscher, Mario, “El Lissitzky”, in: “SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz”, 2015, https://recherche.sik-isea.ch/sik:person-14158362/in/sikart
Lüscher, Mario, Simona Martinoli (Hg.), “El Lissitzky in der Schweiz 1924–25/Hans Arp/Die Kunstismen”, Winterthur 2025
